Trödelmarkt an der Rolltreppe
Trödelmarkt an der Rolltreppe
»Reklame ist die Kunst, auf den Kopf zu zielen und
die Brieftasche zu treffen.«
Vance Packard (amerik. Journalist/Autor, 22.05.1914-12.12.1996)
Ich gehe öfter mal mit einem Freund einkaufen. Aber nicht so, wie Frauen. Wir kaufen weder Schuhe noch Ohrringe, sondern Entertainment-Accessoires. DVDs und Playstation-Spiele. Und CDs natürlich. Wenn sie nicht zu teuer sind.
Beim letzten Besuch in der Galeria Kaufhof haben wir eine interessante Entdeckung gemacht: Neben der Rolltreppe im Erdgeschoss war eine Art Tapeziertisch aufgebaut, auf dem diverse Schmuckstücke und Uhren ausgebreitet waren. Natürlich im Schatten der überdimensionalen Schilder mit der Aufschrift „REDUZIERT!!!“ und „SUPER ANGEBOTE – JETZT ZUGREIFEN!!!“. Immer mit drei Ausrufezeichen.
Und hinter diesem Tisch stand ein junger Mann, so Mitte 20, mit einem Mikrofon und gnadenlos schlechter Artikulation. Ich habe mir zwar schon gedacht, dass er versucht hat, die Waren auf diesem Tapeziertisch anzupreisen, aber er tat sein Bestes, die Leute zu vertreiben.
Ich möchte dazu zwei Zitate von ihm wiedergeben:
„ Es war einmal eine Kette, die wurde reduziert. Ja, Sie hören richtig! Statt 39 Euro neunzig jetzt nur noch für genau 10 Euro das Stück. Und Sie haben keinerlei Nachteile! Ihnen bleibt sogar die volle Garantiezeit erhalten, Sie müssen lediglich den Garantiezettel aufbewahren. Das ist ganz, ganz wichtig!“
Der erste Satz schockte mich am meisten. Ich dachte erst, dass das Kaufhaus einen Märchenonkel für die kleinen Kunden engagiert hatte. Aber der wollte mit diesem Satz doch tatsächlich Erwachsene anlocken!
Glücklicherweise hat keiner drauf reagiert, außer so ’nem Typen mit Grimasse auf’m T-Shirt. Hätte diese Verkaufsstrategie Erfolg verzeichnet, ich glaube ich hätte meinen Glauben an Deutschland verloren und wäre ausgewandert.
Den folgenden Satz brachte der Verkäufer über seine Lippen, als auch der oben genannte Typ nichts kaufte und weiter seiner (unergründlichen) Wege ging. Und zwar sagte er in seiner Verzweiflung und theatralischem Überschwang:
„ Kommen Sie, meine Damen und Herren, alles muss raus, alles ist reduziert. Alles hier muss weg, um jeden Preis, koste es, was es wolle!“
1. „ Um jeden Preis.“
Ich fragte mich, ob er wohl sein Leben lassen würde, um wenigstens eine Uhr an den Mann oder die Frau zu bringen.
2. „ Koste es, was es wolle.“
Ich bin zwar nicht besonders bewandert, was Wirtschaft und Meinungsforschung angeht, aber ich behaupte doch mit ziemlicher Sicherheit, dass ein Kunde bei reduzierten Angeboten niedrige Preise erwartet und nicht eine Aussage, die sonst nur dann gemacht wird, wenn irgendwer irgendetwas so sehr besitzen möchte, dass er ohne zu Zögern sein gesamtes Vermögen dafür opfern würde...
Nun ja, wir drückten uns – wie ein Großteil der anderen Kunden auch – an dem Tapeziertisch und dem Verkäufer vorbei, nur um auf der anderen Seite der Rolltreppe einen zweiten Stand zu entdecken, genauso ausgestattet wie der erste.
Hier lautete der Slogan „Gold und Silberstückchen für sie und ihn!“.
Ich hatte kurz vorher ein Videospiel entdeckt, in dem es darum ging, Silberstücke zu sammeln um damit später einen Werwolf zu bekämpfen.
Scheinbar flößen Werwölfe heutzutage kaum jemanden Angst ein, niemand interessierte sich für die Silberstückchen...
