Schüleraustausch
»Ah oui, les allemands!«
Der französische Lehrer M. Pierens, der uns beim Austausch begleitete
Im Jahre 2001 nahm ich an einem Schüleraustausch mit dem Lycée Colbert in Frankreich teil. Eine tolle Idee, die unsere Lehrer damals hatten. Sechs Nächte bei wildfremden Leuten, mit denen man nur in Bruchstücken kommunizieren konnte.
Ganz schlimm traf das Schicksal meinen Freund Andre, der nach der Rückkehr einen Bericht schreiben musste, der auf der Homepage unserer Schule veröffentlicht wurde. Das bedeutete, dass er die Wahrheit verschweigen und die ganze Geschichte in schillernden Farben zu schildern hatte (man kann das leicht überprüfen, da so ziemlich jeder Bericht über einen Austausch inhaltlich gleich ist).
Ich werde hier einmal die ganze Sache richtig stellen und die Sätze, wie sie die Lehrer forderten, kommentieren. Dazu weise ich noch darauf hin, dass der Text so auf der Homepage erschien, von einem Deutschlehrer abgetippt (Man achte auf Rechtschreib- und Ausdrucksfehler!).
»Mittags um 12 Uhr kamen wir in Tourcoing an, wo unsere Austauschschüler schon auf uns warteten. Viele von uns befreundeten sich schnell mit ihren Partnern und ihren Familien an.«
Die Ankunftszeit stimmt sogar, auch dass unsere Austauschpartner auf uns warteten, entspricht der Wahrheit. Die Geschichte mit dem Anfreunden lief eher so ab, dass jedes „Pärchen“ aufgerufen wurde und man sich entweder per Handschlag (bei den Jungs) oder per Nebeneinander-Stehen (bei den Mädchen) begrüßte. Worte wurden kaum gewechselt. Wie sollte man auch, wenn man die Sprache des anderen nicht einmal zu 30 Prozent beherrscht.
»In dieser Woche lernten wir viel über das Leben in Frankreich und besuchten viele interessante Museen und Stätten.«
Das Leben in Frankreich unterscheidet sich im Großen und Ganzen kaum vom deutschen Alltag. Interessant war lediglich das Fahrverhalten der französischen Autofahrer, die die Ampeln nicht als Signale sondern vielmehr als Straßendekoration betrachteten.
Die Museen, die wir besuchten, waren selbstverständlich nicht interessant. Da der kulturelle Teil einer solchen Fahrt aber in Augen der Pädagogen enorm wichtig ist, steht das dort so.
»Bei diesen Ausflügen entstanden einige Freundschaften, die bestimmt weit über den Austausch hinaus Bestand haben werden.«
Die meisten Freundschaften hielten bis Anfang Mai, als die Franzosen uns besuchten, manche schrieben danach auch noch ein oder zwei Briefe, aber insgesamt blieben die meistens Freundschaften irgendwo auf einer belgischen Autobahn liegen.
»Nach sieben Tagen voller Sehenswürdigkeiten der Region ging es wieder auf nach Hause. Viele wären gerne länger geblieben.«
Der Wunsch, etwas mehr Zeit in Frankreich zu verbringen, lag nur teilweise vor und bei denen, die wirklich länger bleiben wollten, lag es hauptsächlich daran, dass man nicht zur Schule musste und eine Woche frei hatte. Ich persönlich war froh, wieder zurück zu dürfen, da mein Gastvater der Meinung war, man müsse um halb zehn im Bett liegen, wenn man am nächsten Tag um acht Uhr aufzustehen hat.
Als die Franzosen ihre Besuchspflicht hier in Deutschland ableisteten, waren sie allesamt verwirrt, als wir uns von den allabendlichen Parties erst gegen 1 Uhr voneinander verabschiedeten.
Überhaupt waren die französischen Schüler weniger gewohnt, was feiern und vor allem Alkoholkonsum anging. Ich als Antialkoholiker habe zwar nie aktiv an den Besäufnissen teilgenommen, aber dennoch erlebt, wie manche Franzosen alle zwei Schritte umfielen oder sich in den Gartenteich einer Mitschülerin legen wollten.
Das Beste an dem ganzen Bericht sind aber folgende beiden Sätze:
1. »Oft konnten wir uns darüber freuen, im Unterricht eine Sprache gelernt zu haben, die man zur Verständigung mit lebenden Menschen gebrauchen kann (was man von unseren Latein-Kollegen ja nicht unbedingt behaupten kann).«
2. »Abschließend möchte ich erneut jedem raten, das Fach Französisch zu wählen, um dann am Austausch teilzunehmen.«
Andre befindet sich momentan im Lehramtsstudium mit den Fächern Latein und Philosophie.
