Nach dem Verfassunfsreferendum mit Zeitumstellung in ein neues Jahr
Nach dem Verfassungsreferendum mit Zeitumstellung in ein neues Jahr
Nachdem die geplante Zeitumstellung erst einmal zurückgestellt worden war, da sich die beiden Brüder in der Regierung und wohl auch andere Regierungsmitglieder noch nicht ganz darüber einig waren, ob die Uhren nun eine halbe Stunde vor- oder zurückgestellt werden sollten, war es dann am 9. Dezember so weit. Um drei Uhr früh wurden die Uhren Venezuelas tatsächlich um eine halbe Stunde zurückgedreht, nicht um hundert Jahre, wie böswillige Zeitgenossen vermuteten. So freuen wir uns hier in Venezuela, dass es morgens früher hell wird und dass die Kinder „mit der Sonne im Rücken“ zur Schule gehen können (Präsident Chávez dixit), auch wenn wir abends dann eben die Lichter früher anknipsen müssen.
So empfangen die Venezolaner also das Jahr 2008 mit einer neuen legalen Zeit, eine Mehrheit nach der am 02. Dezember erfolgten Ablehnung der von der Regierung vorgeschlagenen sozialistischen Verfassung gar mit Zuversicht, auch wenn die wirtschaftlichen Aussichten für einen guten Teil der Bevölkerung eher düster sind.
Für viele, vor allem diejenigen am unteren Ende der sozialen Skala, sieht es schon jetzt nicht gut aus. Das Gegenteil sollte eigentlich erwartet werden, denn die venezolanische Regierung verkündete ja verschiedentlich, die Zahl der Armen sei zwischen 1999 und 2006 von 43% auf 27.5% Prozent gesunken, was dann auch jeweils ziemlich unkritisch von vielen ausländischen Medien übernommen wurde. Alleine, dem Verfasser dieses Berichts ist nicht klar, auf welche Indikatoren außer einer großzügigen Geldverteilung sich die venezolanische Regierung hierbei stützt.
Ausgehend von der wachsenden Desillusionierung der venezolanischen Bevölkerung mit der korrupten Ineffizienz ihrer Regierung, rechnete der linke venezolanische Ökonomieprofessor Luis Mata Mollejas (UCV) scharf mit den öffentlichen Sozialprogrammen ab, den sog. „misiones“, die angeblich den Lebensstandard der Armen verbessert haben sollen. In einer Studie kommt er zu dem Schluss, dass die Armut der Venezolaner proportional mit den öffentlichen Ausgaben für die „misiones“ zugenommen hat. Nach Mata Mollejas stieg die Zahl der Haushalte, die weniger als 5 USD/Tag für Haushaltsausgaben zur Verfügung hat, von 12,4% (1980) auf 20,8% (2006). Bei einer durchschnittlichen Haushaltsgröße von 5 Personen folgert Mata daraus, dass momentan ca. 5,4 Mio. Venezolaner mit weniger als einem USD/Tag auskommen müssen, ähnlich der Bevölkerung in den Ländern der Südsahara. Mata weiter: „Während 1986 der tägliche gesetzliche Mindestlohn (USD 6,80) noch 77% der Kosten des täglichen Mindestbedarfs deckte (USD 8,80), reichte dieser Mindestlohn im letzten Jahr (USD 7,90) nur noch dazu aus, 53% der Kosten (USD 14,90) zu tragen.“ Kein Wunder, wenn nach Berechnungen der gewerkschaftsnahen Cendas momentan das Monatseinkommen von 70% der Venezolaner nicht dazu ausreicht, ihren monatlichen Grundbedarf zu bestreiten.
Zwar wurden mit dem öffentlichen Gesundheitsprogramm „Barrio Adentro“ punktuelle Erfolge erzielt, jedoch zerbröckeln gleichzeitig die öffentlichen Hospitäler ähnlich der restlichen Infrastruktur des Landes. Die Zahl der mangelernährten Kinder stieg von 8,4% (1999) auf 9,1% (2006) und das Wohnungsdefizit hat zugenommen, denn unter dieser Regierung werden nachweislich wesentlich weniger Wohnungen im Jahr gebaut als unter den Vorregierungen. Die Einkommensverteilung hat sich verschlechtert; nach Berechnungen der venezolanischen Zentralbank stieg der Gini-Koeffizient von 44,1% in 2000 auf 48% in 2005, während er sich in Ländern wie Brasilien, Mexiko und Chile verbesserte. Venezuela ist eines der lateinamerikanischen Länder mit den geringsten Fortschritten bei der Verfolgung des Millennium-Ziels der Vereinten Nationen, und die UNDP signalisiert für Venezuela eine stetige Abnahme des Human Development Index. Verringerung der Armut?
Während zwei von drei Läden der staatlichen Distributionskette Mercal im Großraum Caracas wegen Korruption und Versorgungsengpässen geschlossen haben, steht die Bevölkerung oft stundenlang Schlange nach Milch, Eiern, Zucker und anderen Grundnahrungsmitteln, selbst nach Toilettenpapier. Wachsende Knappheiten und die höchste Inflation Lateinamerikas (s. unten), das ist das wirtschaftliche Panorama für die Bevölkerung Venezuelas zum Jahreswechsel. Es erwartet sie zudem ein Währungskonversion, die am 01. Januar in Kraft treten und nach der Regierungspropaganda eine „starke Währung, eine starke Wirtschaft und ein starkes Land“ zur Folge haben soll. Ökonomen betrachten dieses Vorhaben innerhalb eines hochinflationären Umfelds als Schwachsinn, soweit es nicht von effektiven flankierenden Maßnahmen begleitet wird. Von solchen gibt es bisher keine Spur. So verheißt der Jahresbeginn 2008 für die Venezolaner wirtschaftlich voraussichtlich nichts Gutes, egal wie die Prognosen für die Erdölpreise und das Wirtschaftswachstum aussehen. Welche politischen Folgen sich für die Regierung daraus ergeben, bleibt abzuwarten.
Inflation
Nach offiziellen Angaben der venezolanischen Zentralbank betrug der Preisanstieg der Lebenshaltungskosten für den Großraum Caracas im November 4,4%, 2,4 Prozentpunkte mehr als im Vormonat Oktober und 3,1 Prozentpunkte mehr als im gleichen Vorjahresmonat. Die für den Monat November gemessene Inflationsrate war die höchste der bisher 2007 registrierten monatlichen Raten. Damit erhöhten sich die Lebenshaltungskosten zwischen Januar und November 2007 um 18,6% (November 2006: 14,9%), und die Jahresinflationsrate erreichte im November 20,7% (November 2006: 15,7%). Das Inflationsziel der Regierung für das gesamte Jahr 2007 betrug 12%. Die für das Jahresende zu erwartende Rate wird voraussichtlich mehr als das Doppelte betragen, da für den Monat Dezember saisonbedingt ebenfalls hohe Preissteigerungen erwartet werden können.
Noch im Mai dieses Jahres hatte die Zentralbank stolz verkündet, die Tendenz der monatlichen Preisanstiege sei nun gebrochen. Hiervon kann natürlich keine Rede mehr sein, im Gegenteil, Venezuela steht, sollten keine korrigierenden Maßnahmen getroffen werden, vor einer Hyperinflation. Im November verzeichneten sowohl die Waren als auch die Dienstleistungen große Preissprünge. Die Waren verteuerten sich um 6,2% (Oktober: 3,6%) und die Dienstleistungen um 2,3% (Oktober: 1,2%).
Die Hotel und Restaurantpreise stiegen im November um 7,2%, alkoholische Getränke und Tabakwaren wurden alleine in diesem Monat um 9,2% bzw. 15,4% teuerer (Steuererhöhungen im Oktober und der Wegfall von Cadivi-Devisen) und der Personentransport um 4,8%.
Die ärmeren Bevölkerungsschichten, die den weitaus größten Teil ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben müssen, wurden im November wieder mit einer Teuerungsrate der Nahrungsmittel um 7,3% abgestraft. Nahrungsmittel und nichtalkoholische Getränke verteuerten sich in den letzten 12 Monaten, trotz Preiskontrollen oder vielleicht gerade deshalb, offiziell um 29,2%. Ihre wirkliche Teuerungsrate muss auf Grund der Knappheiten weit höher veranschlagt werden.
Was wird die Regierung im nächsten Jahr dagegen tun, nachdem sie sich selbst in eine „Catch-22“-Situation manövriert hat? Wertet sie den völlig überbewerteten Bolívar (s.u.) ab, so schnellen die Inflationsraten erst einmal weiter nach oben. Tut sie das nicht und verschärft sie die Wechselkurskontrollen, werden die Produktknappheiten unweigerlich zunehmen. Was immer sie auch tut, sie wird damit keine Sympathien bei der Bevölkerung gewinnen.
Wechselkursentwicklung
Ende November kostete der USD zum offiziellen Kurs nach wie vor VEB 2.150. Zum Tageskurs (USD/EUR) vom 30.11.2007 wäre für einen EURO zum offiziellen Kurs demnach VEB 3.139 zu entrichten gewesen. Auf dem Parallelmarkt lagen die jeweiligen Tauschraten bei VEB 6.050 bzw. 9.833, also um 77,9 bzw. 96,7% über den zum Jahresende 2006 registrierten Werten (s. nachstehende Tabelle).
Verschiedene Importeure und andere Unternehmen berichten, dass sie für ihre Einfuhren von Cadivi seit ca. 120 Tagen keine Devisen zum offiziellen Kurs mehr erhalten haben. Ausgehend von dem diesjährigen Importvolumen kann der Rückstau von Cadivi-Zahlungen deshalb momentan auf rund 15 Mrd. USD geschätzt werden. Für Gewinnrückführungen von Auslandsinvestoren wurden teilweise seit 24 Monaten keine Devisen mehr zum offiziellen Kurs zugeteilt.
Hrsg.: Klaus Schaeffler
2SP Consulting Team
