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Sep 28, 2005 at 14:26 o\clock

Die Welt: Wie kaum ein Land fördert Venezuela seinen Klassik-Nachwuchs

Die Welt, 23.09.2005 Wunder von Caracas

Wie kaum ein Land fördert Venezuela seinen Klassik-Nachwuchs. Einige Musiker sind inzwischen Weltklasse

von Manuel Brug

Schon seit längerem hat das alte Zentraleuropa seinen Rang als Herzland der klassischen Musik verloren. Mit Simon Rattle tauchte Birmingham plötzlich als Impulsgeber auf, mit Mariss Jansons haben wir das Orchester von Oslo schätzen gelernt. Amerika ist mindestens seit 150 Jahren ein Verbündeter der Beethoven-Entente, und wir haben auch die Asien-Invasion des 20. Jahrhunderts gut verdaut. Geiger aus Sibirien bevölkern den Mozartmarkt, albanische Soprane und mexikanische Tenöre leuchten am Opernhimmel, chinesische Pianisten werden als Tasten-Popstars gefeiert.

Nur ein ganzer Halbkontinent leistete bisher gegen die klassische Beglückung Widerstand: Südamerika. Zwar war und ist die Oberschicht von Buenos Aires samt dem Teatro Colon ein klassischer Brückenkopf (wenn auch augenblicklich unter eingeschränkten finanziellen Bedingungen), und aus Peru bezaubert uns mit Juan Diego Floréz schon der dritte Rossini-Tenor. Doch sonst gab es nichts zwischen Yucatan und Feuerland.

Und trotzdem blinkt nun auf der klassischen Weltkarte ein Land auf, das noch nicht einmal für seine Folklore berühmt ist, höchstens für seine Kriminalitätsrate und seine Miss-Wahlen: Venezuela. Dieses Phänomen hat einen Namen: José Antonio Abreu, geboren 1939, Wirtschaftler, Jurist, Musiker, Dirigent. Der gründete vor dreißig Jahren das Nationale Sinfonieorchester Simon Bolivár - auch um den sozialen Mißständen zu trotzen und die Jugendlichen aus den Slums wenigstens für ein paar Stunden von der Straße zu holen. Als Meister des Schnorrens fand er mächtige Gönner, und die Methode, den Kids ein Instrument als ersten eigenen, wertvollen, freilich mit Verantwortung behafteten Gegenstand im Leben zu leihen, verfing prächtig.

Heute überzieht ein unglaublich effektives Jugendorchestersystem das ganze Land. Was als weltfremde Sozialromantik anmuten mag, hat unbeschreiblichen Erfolg. Die Kinder aus den Ghettos greifen tatsächlich lieber zur Oboe als zum Revolver, ihre klingenden Helden sind keine finsteren Rapper, sondern Bach und Beethoven. Die venezolanische Musikfabrik ist heute sicher das am straffsten organisierte und folgenreichste Klangkombinat der Welt.

Weil José Antonio Abreu immer auch weiterreichende Ambitionen hatte. Die Jugendlichen sollten nicht nur spielen lernen, sondern auch gut spielen. Die Jugendorchester sind kein waldörfliches Pädagogik-Paradies, sondern ein Abbild gesellschaftlicher Verhältnisse. Auch in der philharmonischen Oase wird besonders gefördert, wer besonderes leistet; Auslese ist kein Fremdwort, schließlich wartet vor den Probenraumtüren die harte südamerikanische Wirklichkeit. Es gibt verschiedene Leistungsklassen und Orchesterstufen, nur die Besten schaffen es bis ins Nationale Jugendorchester, später gar zum professionellen Bolivár-Orchester. Und längst ist das keine Angelegenheit der Unterschicht mehr.

Die letzten Jahrzehnte haben das Caracas-System immer effizienter gemacht. Die von ihm hervorgebrachten Musiker brauchen keinen Latino-Mitleidsbonus, sie können sich jetzt auf dem Weltmarkt beweisen. Jugendorchester gibt es viele und gute, doch der vor Temperament, Frische und Spielfreude vibrierende Klangkörper aus Caracas ist schon etwas ganz Besonderes. Für diese Menschen ist Klassik jeden Tag Abenteuer, Entdeckung, Überraschung - hier findet man keine Spur europäisch müder Abgeklärtheit.

Und weil längst auch Weltklassedirigenten wie Claudio Abbado und Simon Rattle davon gehört haben und ihren jugendbeglückenden Stab leuchtenden Auges schon vor Ort gehoben haben, entwickelt sich im globalen Klassikdorf ein immer engmaschigeres Netz gegenseitiger Beziehungen. Einer der Knotenpunkte sind die Berliner Philharmoniker. Schließlich hatte Sir Simon im gewohnten Pathos verkündet: "Ich habe in Venezuela die Zukunft der klassischen Musik gehört."

Nicht nur der Chef, auch viele der Musiker von der Spree erkennen ihre Verantwortung für die nächste Generation von Musikmachern. Sie sind regelmäßig als Tutoren in Caracas zu Gast. Auf der gegenwärtigen Deutschlandtournee des Nationalen Venezolanischen Jugendorchesters leitet der Berliner Trompeter Thomas Clamor die Brass Band, und die Geschichte zwischen dem Solokontrabassisten Klaus Stoll und Edicson Ruiz mutet gar wie ein modernes Märchen an.

Stoll hörte den heute 20jährigen Ruiz vor fünf Jahren bei einem Meisterkurs in Caracas, empfiehlt ihn ans Jugendorchester des Schleswig Holstein Musikfestival, wo er auch doziert. Schnell sind die Verbindungen zur Orchesterakademie der Berliner Philharmoniker geknüpft. Dieses Ausnahmetalent nimmt alle im Sturm. Stoll, bei dem er auch wohnt, wird für den Minderjährigen zum Ersatzvater, er drängt zum Philharmoniker-Vorspiel. Das besteht Edicson Ruiz mit links, wird zum jüngsten, noch nicht einmal volljährigen Philharmoniker überhaupt, der offiziell noch ein Jahr als Akademist firmieren muß.

Inzwischen hat er sein Probejahr erfolgreich absolviert und ist am Ziel seiner kühnsten Träume. "Am Anfang habe ich die Musik gehaßt", erzählt er mit leiser Stimme. Wegen Disziplinlosigkeit flog er einst aus dem Jugendchor. Stoll attestiert ihm, er sei mit seinem Instrument "magisch verbunden". Seiner Mutter, die ihn allein großgezogen hat und nachts Taxis fahren mußte, hat Ruiz inzwischen ein Haus gekauft. Und wer Edicson Ruiz inmitten der Berliner Kontrabaßgruppe im Konzert beobachtet, der erlebt einen selten glücklichen Menschen.

Von Caracas an den Karajan-Platz. Diesen Weg haben auch Gustavo Dudamel und Gabriela Montero genommen. Der eine, ein 24jähriger Dirigent, hat letztes Jahr in Bamberg den neuen Gustav-Mahler-Wettbewerb gewonnen und wird nun vehement in den weltweiten Gastierzirkus eingespeist. Jetzt ist er mit dem Nationalen Jugendorchester auf Reisen, bald dirigiert er an der Berliner Lindenoper, im Herbst 2006 leitet er an der Mailänder Scala einen neuen "Don Giovanni". Dudamels Stil: offen, temperamentvoll, freudig, unverbildet, neugierig.

Eher zufällig geht augenblicklich auch der Stern der 35jährigen venezolanischen Pianistin Gabriela Montero auf, die besonders mit ihren freien Improvisationen verblüfft. Immerhin Martha Argerich ist ihr größter Fan, die EMI will sie berühmt machen. Soviel Caracas im Konzersaal war nie.

Artikel erschienen am Fr, 23. September 2005


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